Von Sigmar Gabriels Morgenlektüre zur Barrierefreiheit für alle

 

Balge/Berlin. „Was schreibt die Presse?“ Diese Frage steht in jedem Bundesministerium an jedem Tag ziemlich weit oben auf der Tagesordnung. Ehe es an die Arbeit geht, wollen sich Ministerinnen und Minister, leitende Mitglieder ihres Teams und Abgeordnete ein Bild von Themen, Schlagzeilen, relevanten Inhalten verschaffen. Im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) verlassen sich Minister Gabriel und sein Stab auf die Arbeit des Kreis-Nienburger Softwareentwicklungsunternehmens i.syde. Und das wiederum hat, basierend auf seiner Arbeit für das Ministerium, mit Partnern eine Initiative für Barrierefreiheit im Netz gestartet.

Weder der Wirtschaftsminister noch seine Kolleginnen und Kollegen können morgens Dutzende europäischer Leitmedien durchforsten. Das übernehmen Agenturen, die die entsprechenden Texte filtern, aufarbeiten und in einem Pressespiegel zusammenstellen. Um die Digitalisierung kümmern sich die Kreis-Nienburger, die unter anderem dafür sorgen, dass der Minister und sein Mitarbeiterstab knapp und pointiert auf dem Tablet lesen können, was FAZ, Neue Zürcher, Süddeutsche oder BILD über das Ministerium schreiben.

Auf Seiten des Ministeriums wurde das Projekt von Rudi Mensch begleitet, selbst Softwareentwickler und erfahrener Administrator: „Es ist i.syde – wieder einmal! – gelungen, einen hoch komplexen Sachverhalt so zu verpacken, dass der Nutzer nicht ahnt, was dahinter steckt!“, lobt er die Arbeit der Balger: Modernste Servertechnik und neuestes Web-Layout seien zum Einsatz gekommen; das Ergebnis sei kompatibel für mobile Endgeräte und barrierefrei zu nutzen, und, betont der Fachmann, es laufe so einfach und unproblematisch, dass bei ihm keinerlei Rückfragen von den Anwendern aufgelaufen seien: „Das ist“, schwärmt Rudi Mensch, „wie bei einer schönen Eislauf-Kür: Alles scheint ganz einfach und perfekt, und niemand merkt, wie viel Arbeit dahinter steckt!“

Besonderes Augenmerk legte i.syde auf die Umsetzung der oft zitierten, aber noch öfter nicht umgesetzten Barrierefreiheit im Netz. „Es ist uns wichtig, dass auch Menschen mit Behinderungen, in erster Linie blinde oder stark sehbehinderte Menschen, den Pressespiegel nutzen können“, sagt Thomas Friebe, Geschäftsführer von i.syde. „Um das sicherzustellen, haben wir mit Jan Hellbusch zusammengearbeitet.“ Der Dortmunder gilt als anerkannte Größe, wenn es um Barrierefreiheit im Netz geht: Auf Grundlage der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) überprüft er Websites und erstellt entsprechende Gutachten. Hellbusch beschreibt die Situation so: „In einigen Staaten, etwa den USA und Großbritannien, sind die Vorgaben sehr streng. In Deutschland sind manche Bundesländer gut aufgestellt; in Niedersachsen gibt es aber nicht einmal die entsprechende Landesverordnung.“

„Barrierefreie Websites wie die des BMWi haben Vorbildcharakter für Wirtschaftsunternehmen“, sagt Friebe: Viele achten schon bei der Programmierung auf Barrierefreiheit, andere rüsten ihre Seiten entsprechend nach. Die Erkenntnis, dass die eingeschränkte Nutzungsmöglichkeit einer Internetpräsenz potenzielle Kunden ausschließt, ist in Hessen oder NRW weit verbreitet.

Das Projekt für das Wirtschaftsministerium und die dabei gesammelten Erfahrungen zur Barrierefreiheit brachte i.syde auf die Idee, gemeinsam mit Jan Hellbusch und der ebenfalls im Kreis Nienburg ansässigen Grafikerin Janet Schendel („Frau Silberfisch) eine Initiative ins Leben zu rufen. Die will öffentliche und privatwirtschaftliche Unternehmen für das Thema sensibilisieren und – bei Interesse – beraten. „Wie groß der Aufwand für einen barrierefreien Internetauftritt ist, hängt sehr stark von der bisherigen Qualität der Webpräsenz und dem Engagement der Webentwickler ab. Moderne Websites halten Webstandards ein, und Barrierefreiheit ist ein Webstandard“, sagt Jan Hellbusch. Konkrete Zahlen zum Aufwand könne man erst nach Gesprächen und einer Analyse nennen. In der Praxis genüge es oftmals schon, die Templates (quasi die Musterseiten eines Auftritts) anzupassen.

 

9.8.2015